Pecorino zum Abendessen? Die meisten dürften dabei zunächst an italienischen Schafskäse denken. Wer stattdessen eine Flasche aus dem Weinregal öffnet, kann allerdings eine ganz andere Seite Italiens kennenlernen. Denn Pecorino ist auch der Name einer weißen Rebsorte – und längst nicht die einzige italienische Spezialität, die außerhalb ihrer Heimat weniger bekannt ist. Zwischen Alpen und Sizilien wachsen zahlreiche Rebsorten, die eng mit bestimmten Regionen verbunden sind und eine spannende Alternative zu international bekannten Weißweinen bieten.
Italien kann beim Weißwein weit mehr als die bekannten Klassiker
Italien und Wein – bei dieser Kombination denken viele zunächst an Chianti, Barolo oder Prosecco. Beim Weißwein landet dagegen häufig Pinot Grigio im Glas. Das ist nachvollziehbar, wird der Wein doch in nahezu jedem gut sortierten Supermarkt und auf zahlreichen Restaurantkarten angeboten.
Die italienische Weinwelt ist allerdings wesentlich vielfältiger. Über Jahrhunderte haben sich regional unterschiedliche Rebsorten erhalten, deren Namen außerhalb Italiens teilweise kaum bekannt sind. Einige werden überwiegend in wenigen Regionen kultiviert und sind dadurch besonders eng mit ihrer Herkunft verbunden.
Genau das macht eine Entdeckungsreise interessant. Statt lediglich nach bekannten Weinmarken oder vertrauten Sorten zu greifen, kann die Rebsorte selbst zum Ausgangspunkt werden. Wer beispielsweise einen Weißwein aus den Marken sucht, begegnet anderen Namen als bei einer Reise nach Kampanien oder Sardinien.
Dabei geht es nicht darum, den bekannten Pinot Grigio aus dem Weinregal zu verbannen. Viel interessanter ist die Frage, was daneben noch wartet.
Pecorino: Der Name führt zunächst auf die falsche Fährte
Bei kaum einer Rebsorte ist die Verwechslungsgefahr so sympathisch wie beim Pecorino. Der gleichnamige italienische Käse ist schließlich erheblich bekannter. Mit einem Wein aus Käse hat die Rebsorte selbstverständlich nichts zu tun.
Besonders spannend ist die Pecorino Rebsorte, die vor allem mit Mittelitalien und insbesondere den Marken und Abruzzen verbunden ist. Nachdem ihr Anbau zwischenzeitlich stark zurückgegangen war, wurde sie wiederentdeckt und hat sich inzwischen erneut einen festen Platz in der italienischen Weinlandschaft erarbeitet.
Pecorino-Weine können eine markante Frische besitzen und je nach Ausbau unterschiedliche Frucht-, Blüten-, Kräuter- und Zitrusnoten zeigen. Gerade diese Kombination macht die Sorte interessant für Weinfreunde, die charaktervolle Weißweine suchen und dabei einmal die üblichen Verdächtigen verlassen möchten.
Und natürlich stellt sich irgendwann die naheliegende Frage: Passt Pecorino-Wein zu Pecorino-Käse? Grundsätzlich können beide durchaus gemeinsam auf dem Tisch stehen. Entscheidend sind jedoch wie immer die konkrete Ausprägung von Wein und Käse – allein der gemeinsame Name garantiert noch keine perfekte Kombination.
Verdicchio: Ein Klassiker aus den Marken
Wer seine Reise durch Mittelitalien fortsetzt, trifft auf Verdicchio. Die weiße Rebsorte ist besonders eng mit der Region Marken an der Adriaküste verbunden und gehört dort zu den prägenden Sorten.
Verdicchio zeigt zugleich, warum es schwierig ist, eine Rebsorte mit wenigen Aromen abschließend zu beschreiben. Standort, Jahrgang, Ertrag und Ausbau beeinflussen das Ergebnis im Glas erheblich. Je nach Wein reicht das Spektrum von unkomplizierten frischen Varianten bis zu anspruchsvolleren Weinen mit größerer Struktur.
Gerade für Einsteiger ist das eine interessante Erkenntnis. Wer einen Wein einer bestimmten Rebsorte probiert und nicht begeistert ist, muss die Sorte deshalb nicht sofort abschreiben. Ein anderer Produzent oder eine andere Herkunft kann einen überraschend unterschiedlichen Eindruck hinterlassen.
Bei italienischen Rebsorten lohnt es sich daher, neben dem Namen auf dem Etikett auch die Herkunft zu beachten. Wein erzählt schließlich nicht nur etwas über eine Traube, sondern ebenso über den Ort, an dem sie gewachsen ist.
Fiano und Falanghina: Zwei Gesichter des Südens
Weiter südlich wartet Kampanien mit gleich mehreren interessanten weißen Rebsorten. Zwei davon sind Fiano und Falanghina. Beide zeigen, dass Süditalien keineswegs nur ein Revier für kräftige Rotweine ist.
Fiano kann vergleichsweise strukturierte und komplexe Weißweine hervorbringen. Je nach Herkunft und Ausbau können dabei fruchtige, florale und nussige Eindrücke auftreten. Die Sorte ist besonders mit Kampanien verbunden und besitzt dort eine lange Tradition.
Falanghina präsentiert sich wiederum häufig frisch und zugänglich. Zitrische und florale Eindrücke können eine Rolle spielen, wobei auch hier Stil und Charakter vom konkreten Wein abhängen. Gerade zu mediterranen Gerichten kann ein solcher Weißwein eine interessante Begleitung darstellen.
Für eine private Weinprobe bietet sich sogar ein direkter Vergleich an. Zwei italienische Weißweine aus derselben größeren Region müssen keineswegs ähnlich schmecken. Wer beide nebeneinander probiert, bekommt schnell ein Gefühl dafür, wie stark die Rebsorte den Charakter mitprägen kann.
Vermentino: Weißwein mit mediterranem Charakter
Mit Vermentino gelangen wir schließlich an die Küsten und auf die Inseln des westlichen Mittelmeerraums. In Italien ist die Rebsorte unter anderem auf Sardinien und in Teilen der Toskana sowie Liguriens zu finden.
Viele Vermentino-Weine werden mit Frische, Zitrus- und Fruchtnoten sowie kräuterigen Eindrücken verbunden. Je nach Herkunft können außerdem mineralisch oder leicht salzig wirkende Nuancen wahrgenommen werden. Solche Beschreibungen sind natürlich keine Zutatenliste, sondern geben wieder, woran Duft und Geschmack erinnern können.
Gerade hier zeigt sich eine Besonderheit der Weinsprache. Begriffe wie Zitrone, Kräuter oder Pfirsich bedeuten nicht, dass diese Zutaten dem Wein zugesetzt wurden. Die vielfältigen Aromen entstehen vielmehr im Zusammenspiel von Traube, Gärung, Ausbau und Reifung.
Wer sich erstmals intensiver mit Wein beschäftigt, muss diese Eindrücke übrigens nicht sofort erkennen können. Es reicht vollkommen, zunächst festzustellen, ob ein Wein eher frisch oder weich, leicht oder kräftig und zurückhaltend oder aromatisch wirkt.
Die Rebsorte ist nur ein Teil der Geschichte
So reizvoll die Suche nach neuen Sorten ist: Zwei Flaschen mit derselben Rebsorte können erstaunlich unterschiedlich schmecken. Herkunft und Herstellung spielen dafür eine wesentliche Rolle.
Das beginnt bereits im Weinberg. Klima, Boden, Höhenlage und Zeitpunkt der Lese beeinflussen die Trauben. Im Keller kommen Entscheidungen über Gärung, Lagerung und Ausbau hinzu. Ein Wein, der lange auf der Hefe lag oder teilweise im Holz ausgebaut wurde, kann einen völlig anderen Charakter entwickeln als eine besonders frisch und geradlinig ausgebaute Variante derselben Sorte.
Deshalb sollte die Rebsorte eher als Orientierung denn als Geschmacksgarantie verstanden werden. Wer beispielsweise einen Pecorino probiert hat, kennt danach nicht automatisch jeden Pecorino-Wein.
Gerade darin liegt allerdings der Reiz. Wein wäre deutlich weniger spannend, wenn sich jede Flasche anhand des Rebsortennamens vollständig vorhersagen ließe.
Die eigene Weinprobe beginnt mit Neugier
Um neue italienische Weißweine kennenzulernen, braucht es keine professionelle Verkostung mit kompliziertem Punktesystem. Zwei oder drei unterschiedliche Flaschen und ein paar neugierige Mittrinker reichen vollkommen aus.
Interessant kann es sein, bewusst verschiedene Regionen oder Rebsorten miteinander zu vergleichen. Welcher Wein wirkt frischer? Wo werden eher Zitrusfrüchte wahrgenommen, wo Kräuter oder Blüten? Und welcher davon schmeckt am Ende schlicht am besten?
Die letzte Frage ist ohnehin wichtiger als die Fähigkeit, möglichst viele Aromen korrekt zu benennen. Wein soll Genuss bereiten und kein sensorisches Examen sein. Fachwissen kann helfen, Unterschiede besser einzuordnen, sollte aber nicht den Spaß am Probieren verdrängen.
Wer beim nächsten italienischen Abend also automatisch zum bekannten Weißwein greifen möchte, kann den Blick im Regal ein Stück weiter schweifen lassen. Pecorino, Verdicchio, Fiano, Falanghina und Vermentino zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Vielfalt, die dort wartet. Vielleicht wird aus der unbekannten Flasche sogar ein neuer Favorit – und beim nächsten Pecorino denkt man dann nicht mehr ausschließlich an Käse.